Erforschen, bewahren, präsentieren – das „Netzwerk Industriekultur Niedersachsen e. V.“


Ausgehend vom Hannover nahen niedersächsischen Berg- und Hügelland widmet sich seit über einem Jahrzehnt ein wissenschaftlicher Arbeitskreis der Industriegeschichte


Tiefbauschacht Osterwald 1889

Der Hüttenstollen (Abb. Besucherbergwerk und Museum Osterwald)

Mehr als 120 Jahre, von 1714 bis 1837, verband das Kurfürstentum Hannover – ab 1814/15 Königreich – eine Personalunion mit Großbritannien, der führenden Wirtschaftsmacht der Epoche der Industrialisierung: Die hiesigen Landesherren hier waren zugleich die Könige dort. Hannover „genoss“ daher den Ruf, eine Art landwirtschaftliches Hinterland des Vorreiters der weltverändernden industriellen Revolution zu sein.

Da das ehemalige Königreich Hannover – ab 1866 preußische Provinz – das Kernland des heutigen Niedersachsen ist, haftet unserem Bundesland bis heute das Attribut „durchweg agrarisch geprägt“ an. Trotz der noch immer großen Bedeutung des Agrarsektors trifft diese Charakterisierung Niedersachsens nicht zu. Die Industrialisierung, die namentlich ab Mitte des 19. Jahrhunderts in Deutschland an Fahrt aufnahm, erfasste auch das Gebiet unseres Bundeslandes. Basis hierfür waren in erster Linie Bodenschätze wie Erze, Kohle, Steine, Salz und Erdöl, in jüngerer Zeit kamen zum Beispiel die Verkehrsgunst als Standortfaktor und die Weiterverarbeitung von Agrarprodukten hinzu. Zu den ersten räumlichen Schwerpunkten von Gewerbe und Industrie gehören das „uralte“ Bergbaugebiet Harz sowie das Berg- und Hügelland mit seinen reichen Rohstoffvorkommen.

Doch die Ära der „großen Industrie“ ist heute in vieler Hinsicht bereits Geschichte. Durch sie gestaltete Landschaften, ihre Infrastruktur und Architektur wurden und werden überprägt oder verschwinden ganz. Soziale und ökonomische Strukturen haben sich massiv gewandelt. Der Übergang in ein postindustrielles Zeitalter vollzieht sich. Eine Folge dieses Wandels: Unser facettenreiches industrielles Erbe, unsere Industriekultur geraten in Vergessenheit.

Um dem entgegenzuwirken, gründete sich im Sommer 2013 das, so der heutige Name, „Netzwerk Industriekultur Niedersachsen e. V.“ oder kurz NIN. Zweck des seitdem vom Historiker Dr. Olaf Grohmann geführten Vereins, zu dessen Mitgliedern neben Personen auch Museen und andere Bildungseinrichtungen zählen, ist es insbesondere, die niedersächsische Industriegeschichte zu erforschen, einschlägiges Wissen zu vermitteln und letztlich Industriekultur zu bewahren. Daher sucht das Netzwerk nicht nur die Zusammenarbeit mit anderen Akteuren, sondern möchte auch die Öffentlichkeit für sein Anliegen interessieren.

So wurden beispielsweise in den vergangenen fast 13 Jahren Exkursionen durchgeführt, Gesprächsrunden organisiert und eine Reihe von Ausstellungen in verschiedenen Kommunen Südniedersachsens gezeigt. Dazu gehören eher wissenschaftlich ausgerichtete Präsentationen wie „Industrie im Ersten Weltkrieg. Regionale wirtschaftliche und soziale Aspekte“, aber auch Fotoausstellungen, die besonders anschaulich für die Bewahrung unserer Industriekultur werben sollen. Zuletzt waren im vergangenen Sommer 30 Fotos unter dem Titel „Relikte“ in Schloss Bevern in Holzminden zu sehen. Auch ein gleichnamiger Begleitband (Olaf Grohmann / Hartmut Möller / Martin Stöber: Relikte. Hannover, 2. Auflage 2021) liegt vor. Das Netzwerk informiert außerdem auf seiner Internetseite über industriegeschichtliche Themen und gibt einen Newsletter heraus, der unter www.industriekultur-niedersachsen.de als Download verfügbar ist.


Kali und Salz: Fördergerüst Werk Bergmannssegen-Hugo bei Sehnde (Foto: Martin Stöber)

Einen besonderen Schwerpunkt im Rahmen der Vereinsarbeit bilden aber Fachtagungen und Kolloquien. Letztgenannte wenden sich an eine breite Öffentlichkeit. Schon 2012, noch vor der offiziellen Vereinsgründung, begann die Reihe in Springe mit dem Kolloquium „Industriegeschichte im mittleren Niedersachsen“. In der Folge veranstaltete das NIN mit Kooperationspartnern bis heute weitere acht Kolloquien. Behandelt wurden, stets bezogen auf industrielle Aspekte, zudem die Themenfelder Archäologie (2013, Springe), Erster Weltkrieg (2014, Alfeld), Energie (2015, Hannover), Arbeit (2016, Hameln), Mobilität (2017, Wietze), Rohstoffe (2018, Salzhemmendorf), Revolution 1918 und Folgezeit (2019, Eimbeckhausen) sowie, nach einer längeren Pause infolge der Pandemie, Kali und Salz (2025, Ronnenberg). Die Vorträge der Kolloquien werden darüber hinaus in einer Reihe publiziert, den „Heften“ des NIN (Verlag ecrivir, Hannover). Sie liegen in der Regel bereits zum Termin der jeweiligen Veranstaltung vor und sind im – geringen – Tagungsbeitrag inbegriffen.

Am 11. April 2026 findet das zehnte Kolloquium des Netzwerks statt. Schauplatz dieses kleinen Jubiläums ist das Deutsche Erdölmuseum in Wietze. Gegenstand der Tagung ist die „Industrie nach dem Zweiten Weltkrieg“. Das Vortragsprogramm wird zeitnah auf der NIN-Homepage www.industriekultur-niedersachsen.de veröffentlicht, zusammen mit allen wichtigen Informationen für diejenigen, die an der Veranstaltung teilnehmen möchten – Anmeldeformular inbegriffen. Mitglieder und Vorstand des Netzwerks freuen sich über jeden Gast: Ganz im Sinn der niedersächsischen Industriegeschichte, für deren Bewahrung sich der Verein seit mehr als einem Jahrzehnt einsetzt.

Die Autoren:
Martin Stöber (regionalforschung@t-online.de)Dr. Olaf Grohmann (grohmann@der-huettenstollen.de)
– Netzwerk Industriekultur Niedersachsen e. V. (info@industriekultur-niedersachsen.de) –

Die Kolumne „Hannover historisch“ wird betreut von Prof. Dr. Carl-Hans Hauptmeyer.