Archiv für den Monat: Juli 2024

Ein Mosaik für Hannovers Niedersachsenstadion in Südfrankreich!

Dieses Mosaik hätte die Stadionsporthalle am Niedersachsenstadion schmücken sollen. Strahlend bunt ziert es die Fassade des Musée National Fernand Léger im südfranzösischen Biot und wurde am 30. Juli 2015 in Anwesenheit der französischen Ministerin für Kultur und Kommunikation – frisch renoviert und in neuem Glanz – der Öffentlichkeit präsentiert.

Abb. 1: Entwurf eines Mosaiks für die Turnhalle am Niedersachsenstadion von Fernand Léger, 1955 (Stadtarchiv Hannover, 1.NR.6.08.2 Nr. 86)

Im Musée Fernand Léger wird in einer eigenen Ausstellung nun auch mit Dokumenten aus dem Stadtarchiv Hannover die Geschichte dieses Mosaiks rekonstruiert und erzählt, warum das Kunstwerk von Léger nicht in Hannover, sondern in Biot zu bewundern ist.

Im September 1954 wurde das auf Trümmerschutt errichtete Niedersachsenstadion seiner Bestimmung übergeben. Mit über 86 000 Zuschauerplätzen war es damals die zweitgrößte Sportstätte in Deutschland und Symbol für den Aufbauwillen der stark vom Krieg zerstörten Stadt. Das Stadion war das zentrale Element eines weiträumigen und mit zahlreichen weiteren Sportstätten ausgestatteten „Volksportparks“ am Maschsee, der im Wesentlichen vom damaligen Stadtbaurat Rudolf Hillebrecht (1900-1999) entworfen und durchgesetzt worden war. Mit dieser ambitionierten Anlage sollte Hannover eine Zukunft als Sportstadt von nationaler, ja internationaler Bedeutung gesichert werden. Zur Aufwertung des Ensembles gehörte die Integration des Programms „Kunst am Bau“, gefördert durch staatliche Zuschüsse zur Künstlerförderung und ästhetischen Bereicherung des öffentlichen Raums.

Die der Stadt zugewandte, 30 x 6 Meter große Nordwand der an das Stadion angrenzenden Turnhalle war von Hillebrecht und dem Architekten des Stadions, Heinz Goesmann, für die künstlerische Gestaltung mit Sportmotiven freigehalten worden. Bei der Suche nach einem international bekannten Künstler, der dem ambitionierten Projekt gewachsen war, engagierte sich vor allem der Kunsthistoriker Alfred Hentzen (1903-1985), Kustos der Kestner- Gesellschaft und Leiter des städtischen Kestner-Museums. In die engere Wahl kamen der berühmte Bildhauer Henry Moore (1898-1986) und der ebenfalls international renommierte Maler Fernand Léger (1881-1955). Beide Künstler hatten nach dem Zweiten Weltkrieg bereits in Hannover ausgestellt und wurden angesprochen. Moore sagte aus Zeitnot ab. Léger zeigte Interesse und legte nach einem Besuch in der Stadt Anfang März 1955 erste Entwürfe vor. Skizzen und ein Aquarell Légers sind im Stadtarchiv überliefert. Légers Entwürfe stießen in Hannover nicht auf ungeteilte Begeisterung. Insbesondere Hillebrecht und Oberstadtdirektor Karl Wiechert (1899-1971) konnten sich nicht recht mit der Formensprache des Künstlers für das gewünschte Sportmosaik anfreunden. Im August 1955 verstarb der Künstler überraschend. Damit geriet das Projekt ins Stocken und wurde schließlich 1961 endgültig aufgegeben, nicht zuletzt, weil sich die Stadt Hannover mit Légers Witwe Nadja nicht über die Modalitäten der Realisierung des Entwurfs einigen konnte.

Ein Entwurf für die hannoversche Turnhallenwand wurde von Nadja Léger für die Fassade des 1957 begonnenen Baus des Léger-Museums in Biot zur Verwendung freigegeben. Die Abmessungen und die Fassadenstruktur des Gebäudes hatte man eigens zu diesem Zweck denen der hannoverschen Sporthalle angeglichen.

Die Nordwand der Turnhalle in Hannover blieb dagegen noch einige Jahre nackt. Erst 1962 wurde, vermittelt durch Bernhard Sprengel (1899-1985), ein anderer Künstler für die Gestaltung der Fassade engagiert: der damals in Kunstkreisen durchaus bekannte Hamburger Maler Eduard Bargheer (1901-1979). Auch er hatte schon mehrfach in Hannover ausgestellt. Sprengel besaß mehrere Werke des Künstlers und unterhielt persönliche Kontakte zu ihm. Bargheer hatte schon andere Mosaiken mit Sportmotiven geschaffen, die jedoch deutlich kleiner waren als das in Hannover geplante Mosaik. Schon im Juli 1963 konnte das Mosaik feierlich eingeweiht werden.

Das Werk fand in Hannover keine einhellige Anerkennung; noch immer gab es renommierte Kritiker, die lieber ein großformatiges Werk von Léger im Sportpark gesehen hätten. Das Mosaik überstand zahlreiche Modernisierungen des Stadions und empfing jahrzehntelang sportbegeisterte Menschen auf ihrem Weg zum Fußball und anderen großen Veranstaltungen. Bargheers Werk war zu einem festen Bestandteil des hannoverschen Stadtbildes geworden.

Mit den Überlegungen zu einer Privatisierung und umfassenden Modernisierung des Stadions seit Ende der 1990er Jahre geriet das Kunstwerk in Gefahr. Im Zuge einer
kompletten Umgestaltung des Komplexes sollte die Turnhalle abtragen werden. Es gelang
der städtischen Denkmalpflege schließlich 2003, das Kunstwerk unter Denkmalschutz stellen
zu lassen. Um den Abriss der Turnhalle zu ermöglichen, musste das Mosaik aber
abgenommen und versetzt werden. Seit 2006 steht es nach seiner Renovierung am
Südeingang des neuen Fußballstadions und kann weiter auf die Besucher wirken.

Dr. Cornelia Regin
Stadtarchiv Hannover

Abb. 2: Nordseite der Turnhalle am Niedersachsenstadion mit dem Mosaik „Der Sport“ von
Eduard Bargheer, ca. 1963
(https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Sport_by_Eduard_Bargheer_1962.jpg)

Der Text erschien bereits als Artikel in der Reihe „hannover historisch“ im
hannoverschen Magazin „STADTKIND“ in Ausgabe 07/2015. Die
Wiederveröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des STADTKIND-
Magazins. Diese Kolumne war betreut worden von Prof. Dr. Carl-Hans Hauptmeyer.

Es geht wieder los!


Am 4. April hieß es noch: „Es tut sich was!“ Das Bild der Hannoverschen U-Bahn-Baustelle verwies auf den Untergrund. Passend dazu: Die Internetseite wurde technisch überarbeitet. „Gebuddelt“ wird immer noch. Aber wir können wieder mit kurzen Berichten zur Geschichte in und um Hannover starten, und zwar zunächst mit Artikeln, die vor einigen Jahren bereits unter „Hannover historisch“ im Magazin Stadtkind zu lesen waren. Hinzukommen sollen alsbald auch Beiträge aus den beteiligten Vereinen oder den Institutionen im Raum Hannover, die zu Themen der Geschichte arbeiten.
Wir starten mit einem Beitrag von Dr. Cornelia Regin, der Direktorin unseres Hannoverschen Stadtarchivs. Sie hatte ein Mosaik für Hannovers Niedersachsenstadion in Südfrankreich entdeckt.
Carl-Hans Hauptmeyer