Jugendliche wissen oft nur noch wenig über die NS-Zeit. Seit fünf Jahren pflegt das Zeitzentrum Zivilcourage die Erinnerungskultur und vermittelt Demokratie. Wie gelingt das?
Die junge Generation weiß oft nur noch wenig über die NS-Zeit. Seit fünf Jahren pflegt das Zeitzentrum Zivilcourage in Hannover die Erinnerungskultur und vermittelt einen Zugang zur Demokratie. Wie kann das gelingen, wenn Hitler für Jugendliche so weit weg ist wie Karl der Große?

Hannover Seit Juni 2021 ist Jens Binner Direktor des Zeitzentrums Zivilcourage (ZZZ). Der 60-jährige Historiker, geboren in Aurich, war zuvor unter anderem für Gedenkstätten in Buchenwald und Sandbostel sowie in der Stiftung Niedersächsischer Gedenkstätten tätig.
Herr Binner, das Zeitzentrum Zivilcourage, in dem insbesondere Jugendliche sich mit der NS-Zeit beschäftigen, feiert sein fünfjähriges Bestehen. Wie fällt Ihre Bilanz heute aus?
Es ist eine echte Erfolgsgeschichte: Die Nachfrage nach unseren Workshops ist ausgesprochen groß, an ihnen haben bisher mehr als 12.000 meist junge Menschen teilgenommen. Wenn eine Klasse erst einmal da war, melden sich danach häufig ganze Jahrgänge dieser Schule an. Und auch bei sonstigen Veranstaltungen haben wir bereits mehr als 11.000 Besucherinnen und Besucher gezählt. Eine zeitgemäße Reflexion der NS-Vergangenheit ist von immenser Bedeutung. Die Erinnerungskultur ist gerade angesichts der existenziellen Krise, in der unsere Demokratie sich befindet, wichtig – auch, wenn sie von rechtspopulistischen Parteien zunehmend infrage gestellt wird.
Aber mal ehrlich: Heutige Jugendliche sind nicht mehr mit den Kriegserzählungen ihrer Großeltern aufgewachsen, für sie ist Hitler so weit weg wie Karl der Große. Wie kann es gelingen, sie für die NS-Zeit zu interessieren?
Indem man Lebensgeschichten realer Menschen in den Fokus stellt. Bei uns stehen 46 Biografien von Personen im Mittelpunkt, die wirklich in der NS-Zeit gelebt haben – nicht irgendwo, sondern hier in Hannover: ein Zwangsarbeiter und ein jüdisches Mädchen, ein Widerstandskämpfer, ein KZ-Wachmann, gewöhnliche Angestellte. Jugendliche erforschen hier die Stationen ihrer Lebensläufe. Und sie können sich fragen, wie sie selbst sich verhalten oder Handlungsspielräume genutzt hätten. Auch bei der Dramaturgie einer Netflix-Serie stehen ja oft biografische Wendungen im Fokus. So knüpfen wir an die Lebenswirklichkeit junger Leute an.
Dann geht es gar nicht so sehr um Faktenwissen?
Daten oder Jahreszahlen stehen erst einmal nicht im Mittelpunkt; es geht im ersten Schritt darum, Interesse an der Geschichte zu wecken, und zwar auch mit einer Verankerung im Stadtraum. An einer Wand haben wir beispielsweise einen Üstra-Plan, und mit Audiostationen können Besucherinnen und Besucher hören, was nahe den einzelnen Haltestellen in den Dreißigerjahren passiert ist.
Ehe das Zeitzentrum eröffnete, war die Skepsis groß. Kritische Stimmen fürchteten, dass die Einrichtung der Gedenkstätte Ahlem Konkurrenz machen könnte.
Diese Diskussion war wichtig, weil sie uns letztlich geholfen hat, ein eigenes Profil als Lernort zu entwickeln. Ahlem und das Zeitzentrum Zivilcourage ergänzen sich – wir sind dabei eben kein Museum und keine Gedenkstätte an einem Ort mit besonderer Geschichte. Wir zeigen, wie Menschen sich in der Diktatur verhalten haben.
Studien offenbaren eklatante Wissenslücken bei der jungen Generation. So wussten bei einer Befragung vor einem Jahr 40 Prozent der Deutschen zwischen 18 und 29 Jahren nicht, dass etwa sechs Millionen jüdische Menschen in der NS-Zeit ermordet wurden – und zugleich ist Antisemitismus auf dem Vormarsch …
Schulklassen, die zu uns kommen, haben sich meist schon im Unterricht mit der NS-Zeit beschäftigt. Bei uns äußern Jugendliche nur sehr selten rechtspopulistische Parolen. In solchen Fällen hilft ein erhobener moralischer Zeigefinger meist nicht weiter. Wir klagen sie dann nicht an, sondern suchen die Diskussion mit ihnen. Es geht uns ja nicht darum, Schuldbewusstsein angesichts unserer Vergangenheit zu vermitteln. Wir wollen dafür sensibilisieren, dass Menschen damals Verantwortung hatten und den Gang der Geschichte mitbestimmen konnten. Und das gilt auch heute noch: Es war und ist wichtig, hinzuschauen und zu handeln. In einer Diktatur ebenso wie in einer Demokratie.
Interview: Simon Benne. Veröffentlichung in der Hannover Allgemeinen Zeitung (13.03.2026) und der Neuen Presse (13.03.2026).
Simon Benne, Jahrgang 1970, ist Redakteur der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung. Der studierte Historiker und Germanist (Göttingen/Bologna) schreibt seit 2001 mit Vorliebe über Geschichte und Erinnerungskultur.
Webseite des ZeitZentrum Zivilcourage.
Die Kolumne „Hannover historisch“ wird betreut von Prof. Dr. Carl-Hans Hauptmeyer.