Niedersachsens Regionalgeschichte wird seit 2008 um neue Gesichtspunkte ergänzt: Die Initiative frauenORTE Niedersachsen stellt landesweit historische Frauenpersönlichkeiten vor, die bedeutende Leistungen auf politischem, kulturellem, sozialem, wirtschaftlichem und wissenschaftlichem Gebiet vollbracht und mit ihrem Wirken die Geschichte nachhaltig beeinflusst haben.

Über die frauenORTE
Es gibt eine Vielzahl an Frauen, die einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung unserer Gesellschaft geleistet haben, doch deren Erfolg und Einfluss auf die Gesellschaftsentwicklung weitgehend unsichtbar sind. Ihre Errungenschaften wurden abgewertet oder sogar geleugnet. Für ihre Leistungen erhielten oftmals Männer Auszeichnungen und Anerkennung. Die Frauen standen im Schatten ihrer Ehemänner oder Kollegen und gerieten in Vergessenheit.
Deshalb startete im Jahr 2008 der Landesfrauenrat Niedersachsen e. V. eine Initiative, die anhand historischer Frauenbiografien in möglichst vielen Orten Niedersachsens das Leben und Wirken bedeutender Frauen einer breiten Öffentlichkeit bekanntmacht. Anhand einer Auswahl touristischer Angebote werden frauengeschichtliche Themen lebendig vermittelt. Als Bildungsorte bieten sie die Möglichkeit, vor allem in Kooperation mit Bildungsträgern wie Schulen, Volkshochschulen oder Universitäten auf regionale gesellschaftliche Entwicklung einzugehen, die selten im Mittelpunkt stehen. Die Weiterentwicklung der Initiative wird seit 2014 durch eine Förderung des Landes Niedersachsen unterstützt.

Die jeweiligen Orte bewerben sich beim Landesfrauenrat mit einem Vorschlag für eine bemerkenswerte Frau. Positiv begutachtet und eingerichtet wurden bisher 52 frauenORTE. Die ausgewählten Kommunen verbinden auf vielfältige Weise interdisziplinär Regionalgeschichte mit gleichstellungspolitischen Themen und touristischen Attraktionen. Da – laut einer Studie der TourismusMarketing Niedersachsen GmbH – Frauen zum weitaus größten Prozentsatz die Initiatorinnen von Reisen und Veranstaltungsbesuchen sind, erreichen die frauenORTE so eine interessierte und sehr aktive Zielgruppe.
Mittlerweise bietet die Initiative nicht nur auf ihrer Website, sondern auch mit einer Radwegekarte diverse Routenvorschläge an. Fahrradtourismus ist in Niedersachsen besonders beliebt. Dieses wachsende Interesse, Regionalgeschichte mit dem Fahrrad „zu erfahren“, ist gerade bei den frauenORTEN zu spüren.
Was sich vor Ort entdecken lässt
Die frauenORTE werden vor Ort von Gleichstellungsbeauftragten, Ehrenamtlichen oder Vertreter*innen von Institutionen wie Museen, Klöstern oder Archiven getragen und lebendig gehalten. Häufig ist auch die örtliche Tourist Information eingebunden.
Empfehlenswert ist, vor Reisebeginn bei den Ansprechpersonen der angesteuerten frauenORTE anzufragen, welche Veranstaltungen, geführten Rundgänge oder Informationen diese anbieten. Oft wird ein geführter Rundgang angeboten. Zu nahezu jeder der vorgestellten Frauen gibt es außerdem für einen spontanen Rundgang Flyer. Diese sind bei den jeweiligen Ansprechpersonen, der Geschäftsstelle des Landesfrauenrates und meist auch der örtlichen Tourist Information erhältlich.
Über den Kalender der frauenORTE-Website lassen sich außerdem im Vorfeld einige Angebote für Veranstaltungen entdecken.
Die frauenORTE entlang der Kulturroute Hannover
In der Region Hannover verbindet unter anderem die Kulturroute Hannover auf rund 800 km viele attraktive Ziele und kulturelle Highlights. Zehn frauenORTE auf unterschiedlichen Streckenvarianten lassen sich dabei ebenfalls entdecken: Mary Wigman • Hannover / Ada Lessing • Hannover / Hannah Arendt • Hannover / Eléonore d`Olbreuse • Celle / Äbtissin Odilie von Ahlden • Kloster Mariensee (Neustadt am Rbge.) / Agnes von Dincklage • Obernkirchen / Fürstin Juliane zu Schaumburg-Lippe • Bückeburg / Hertha Peters • Peine / Elise Bartels • Hildesheim / Roswitha von Gandersheim • Bad Gandersheim.
Zwei Frauen sollen hier stellvertretend vorgestellt werden: die frauenORTE Susanna Abraham • Nienburg und Eléonore d’Olbreuse • Celle. Sie liegen an den Etappen 6 c und 8, also von Nienburg über Schwarmstedt nach Celle. Die Strecke von der Weser zur Aller ist insgesamt gute 80 km lang und lässt sich in zwei Tagen fahren.
Tour 1 – Susanna Abraham in Nienburg entdecken
In Nienburg startet die erste Tour (Etappe 6c, ungefähr 40 km lang). Im Nienburger Rathaus präsentiert eine kleine Dauerausstellung inklusive Multimedia-Station Informationen und Eindrücke über Leben und Wirken der umtriebigen und erfolgreichen Kauffrau Susanna Abraham. Sie wurde um 1745 geboren und entstammte einer alteingesessenen Nienburger Familie von Händlerinnen und Händlern. Nach dem Tod ihres Ehemannes 1792 zog sie sich nicht zurück – anders als viele Frauen, die als Witwen das Geschäft höchstens bis zur Geschäftsfähigkeit des ältesten Sohnes weiterführten. Stattdessen leitete sie, da die Ehe kinderlos geblieben war, den gemeinsamen Ellenwarenhandel nun alleine und baute über ihr hervorragend strukturiertes Netzwerk weitreichende Geschäftsbeziehungen auf.

Nienburg: Wohnhaus Susanna Abraham. © Bildrechte beim Kreisarchiv Nienburg/Weser
Gegenüber örtlichen Institutionen und männlichen Konkurrenten, die den Handel von Susanna Abraham kleinhalten wollten, setzte sie ihre Interessen selbstbewusst durch. Ihren Warenhandel baute sie zu einem der erfolgreichsten Handelshäuser in Nienburg aus. Erheblicher Widerstand der christlichen und der jüdischen Händler führte allerdings dazu, dass Susanna Abraham ihr Geschäft nicht an ihren Neffen übergeben durfte. Mit ihrem Tode im Juni 1821 erlosch das Handelshaus daher. Doch dank einer umfangreichen Stiftung ermöglichte sie nach ihrem Tod den Bau einer Synagoge und den Umbau ihres Wohnhauses zu einer Schule. Die Synagoge wurde in der Reichspogromnacht 1938 zerstört, Susanna Abrahams Wohnhaus ist noch erhalten.
Die Ausstellung ist zu den Öffnungszeiten des Rathauses montags bis freitags frei zugänglich. Am Wochenende lassen sich Stationen aus Susanna Abrahams Leben mit dem frauenORTE-Flyer für Susanna Abraham entdecken.
Wer sich darüber hinaus für Nienburger Frauengeschichte interessiert, kann mit einem digitalen Stadtrundgang weitere Frauen der Nienburger Geschichte entdecken: Einfach den QR-Code des Actionbound-Rundgangs auf der Website der Stadt Nienburg einscannen, der zu bedeutenden Frauenorten und historischen Stätten in Nienburg führt. Über das Lösen kleiner Aufgaben bietet die App auch jungen Menschen einen aktiven Zugang zu Geschichte und Kultur der Stadt.
Tour 2 – Herzogin Eléonore d’Olbreuse lebte in Celle
Von Schwarmstedt aus geht es auf der Etappe 8 (43 km lang) über Wietze und Winsen (Aller) weiter nach Celle. Nicht nur das barocke Stadtbild der schönen Fachwerkstadt lädt zum Entdecken ein, sondern vor allem eine hervorragende und lebendig erzählte Ausstellung im Residenzmuseum im Celler Schloss, die über die Welfen in Celle, aber auch die Entwicklung von Herrschaft, Macht und Teilhabe informiert. Hier wird auch Herzogin Eléonore d’Olbreuse vorgestellt.

Audienzgemach im Residenzmuseum im Celler Schloss. ©Bildrechte: Residenzmuseum im Celler Schloss / Foto: Fotostudio Loeper
Eléonore stammte aus altem französischem Landadel und wurde 1639 in Olbreuse bei La Rochelle geboren. Nach Celle kam sie als Mätresse des Welfenherzogs Georg Wilhelm von Braunschweig-Lüneburg. Aufgrund ihres niederen Ranges zunächst nicht ebenbürtig, stieg sie nach ihrer Liebesheirat mit Georg Wilhelm durch taktisch kluges Agieren bis zur Herzogin auf und beriet ihren Ehemann in politischen Angelegenheiten. Dank ihrer europaweiten verwandtschaftlichen Beziehungen und ihrem loyalen Verhältnis zum französischen König wirkte sie aktiv mit, dass 1679 in Celle ein Sonderfrieden im Nordischen Krieg geschlossen werden konnte.
Sie unterstützte zudem die in Frankreich verfolgten Hugenotten, erwirkte bei Georg Wilhelm, Glaubensfreiheit in seinem Territorium zu gewähren, und zog zahlreiche ihrer Glaubensangehörigen nach Celle. Damit brachte sie französische Kultur an den Hof, und eine Blütezeit des Handwerks begann in der Residenzstadt. Ihre Geschichte und ihr Leben als „Stammmutter“ vieler Königshäuser lassen sich, ebenso wie die Lebensgeschichten weiterer Welfenfrauen, in der Dauerausstellung des Residenzmuseums entdecken.

Regionalgeschichte anhand von Frauenbiografien entdecken
Schon diese beiden Beispiele zeigen, wie sich regionale Geschichte anhand von Biografien erzählen lässt. Dabei wird deutlich, dass aus der Perspektive von Frauengeschichte oftmals neue und andere Aspekte betrachtet werden. In Summe haben die vorgestellten Protagonistinnen die Entwicklungen von Demokratie und Machtteilhabe, Bildungswesen, Sorgearbeit und gesellschaftlicher Teilhabe in unserer Landesgeschichte erheblich geprägt. Es lohnt sich also, auf Spurensuche zu gehen, aber auch, sich in der eigenen Kommune mit Frauengeschichte zu beschäftigen und die Auseinandersetzung mit Frauenbiografien anzuregen, beispielsweise in Museen, Archiven, bei Gleichstellungsbeauftragten, der Volkshochschule oder in Schulen.
Wer weitere Frauen entdecken möchte, findet viele Informationen über die Website.
Anke Weisbrich
Seit 2023 ist Anke Weisbrich Projektleiterin der Initiative frauenORTE Niedersachsen beim Landesfrauenrat Niedersachsen e.V.
Die Kolumne „Hannover historisch“ wird betreut von Prof. Dr. Carl-Hans Hauptmeyer.