Niedersachsen wird 80: Eine Zeitreise ins Jahr 1946


Hunger, Wohnungsnot, Flüchtlingszuzug und die Folgen des Krieges prägten Niedersachsen 1946. Das Jahr legte aber auch den Grundstein für wegweisende politische und gesellschaftliche Entwicklungen und Wandlungsprozesse. Die britische Besatzungsmacht und die deutsche Bevölkerung standen vor der Herausforderung, Demokratie, Verwaltung, Wirtschaft und öffentliche Ordnung neu aufzubauen.

Das Jahr 1946

Im Gründungsjahr des Landes Niedersachsen ging es für einen Großteil der Menschen ums nackte Überleben, viele litten bittersten Hunger. Viele Städte lagen in Trümmern, die Familien lebten dicht gedrängt im verbliebenen Wohnraum. Hinzu kam, dass durch den großen Flüchtlings- und Vertriebenenzustrom aus dem Osten die Bevölkerung allein in Niedersachsen um fast 1,8 Millionen Menschen anwuchs. Viele der Neubürger wurden in freigeräumte Zimmer in bereits voll belegten Wohnungen eingewiesen, häufig gegen den Widerstand der Inhaber, oder mussten mit Barackenlagern und Sammelunterkünften vorliebnehmen. In der Landwirtschaft fehlten Arbeitskräfte, Maschinen und Tiere, was zu schlechten Ernten und zu einer allgemein schwierigen Ernährungslage führte. Schwarzhandel und rationierte Lebensmittel prägten den Alltag sowie die Kriegsgefangenschaft ehemaliger Soldaten der Wehrmacht.


Katholische Notkirche in einer Nissenhütte am Ems-Jade-Kanal, bei Westerende, 1946 (NLA AU Rep. 243 A 4006)

Nur eine Minderheit der Deutschen vermochte die Besetzung Deutschlands als persönliche oder als allgemeine Befreiung vom Nationalsozialismus zu betrachten. Es überwog noch viele Jahre deutlich die Selbstwahrnehmung der Deutschen als Opfer und nicht als Täter des Krieges. Das von Deutschen angerichtete Leid wurde verdrängt oder ignoriert. Während vor dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg den „Hauptkriegsverbrechern“ der Prozess gemacht wurde, waren die Besatzungsmächte darum bemüht, staatliche Ordnung, Wirtschaft und Infrastruktur wiederherzustellen und die durch den Krieg entstandenen Schäden zu beheben.

Die britische Besatzungsmacht sah ihre Aufgabe vorrangig darin, für das Lebensnotwendige zu sorgen, den Nationalsozialismus und Militarismus zu beseitigen, die Deutschen zu demokratischen Lebensformen umzuerziehen, Ruhe und Ordnung aufrechtzuerhalten, eine „Verbrüderung“ zwischen britischen Truppen und Deutschen zu verhindern, Wirtschaft, Finanzen, Rundfunk und Presse zu kontrollieren und eine Friedenswirtschaft auf reduziertem Niveau wiederzubeleben.

Ein weiteres wichtiges Ziel der Alliierten bestand darin, Personen, die sich zuvor für das NS-Regime engagiert hatten, von wichtigen Positionen in der Gesellschaft und im zukünftigen Staat auszuschließen, was angesichts von rund 8,5 Millionen ehemaliger NSDAP-Parteigenossen und Millionen weiterer Angehöriger von NS-Organisationen eine enorme Herausforderung darstellte.

Die Demokratisierungspolitik erstreckte sich auf die Medien, die Parteien und Gewerkschaften, die kommunale Verwaltung, das Wahlrecht und die Organisation von Wahlen. Die Gründung neuer Parteien ließ die Besatzungsmacht am 15. September 1945 zunächst auf Kreisebene, ab Dezember 1945 dann auch auf Landesebene zu. Neben dem Wiederaufbau eines breiten Parteienspektrums setzte die Besatzungsmacht wichtige Akzente bei der kommunalen Selbstverwaltung. Das Führerprinzip sollte durch ein Prinzip gemeinschaftlicher Verantwortung ersetzt werden. Bereits am 1. April 1946 trat die Verordnung 21, die sogenannte „revidierte Deutsche Gemeindeordnung“, in der britischen Besatzungszone in Kraft. Sie legte die gesamte Verwaltung der Gemeinde in die Hand des vom Volk gewählten Rates.


Werbung für den Aufbau der kommunalen Selbstverwaltung im Regierungsbezirk Stade (NLA ST Rep. 1005 Nr. 67)

Presse und Rundfunk wurden von der Militärregierung gezielt eingesetzt, um demokratisches Gedankengut in der Bevölkerung zu verankern. Deutsche Verleger benötigten für die Herausgabe einer Zeitung bis zur Gewährung der Pressefreiheit 1949 eine britische Lizenz. Auf diese Weise sollten einerseits belastete Journalisten und Verleger von den Medien ferngehalten werden, andererseits eröffnete die Lizenzpflicht den Briten die Möglichkeit, die lizensierten Zeitungen zu kontrollieren und zu disziplinieren. Zu den ersten zugelassenen deutschen Zeitungen in der britischen Zone gehörten im Januar 1946 die Braunschweiger Zeitung und die Lüneburger Landeszeitung. Noch vor der Kapitulation der deutschen Wehrmacht gründete die britische Militärregierung am 4. Mai 1945 zunächst Radio Hamburg, das am 22. September 1945 als Nordwestdeutscher Rundfunk (NWDR) unter der Leitung von Hugh Carleton Greene gemeinsame Rundfunkanstalt für die gesamte britische Besatzungszone wurde. Das war der Beginn eines freien Rundfunks in Norddeutschland.

Das Projekt „1946 – Niedersachsen in seinem Gründungsjahr“

Den 80. Geburtstag des Landes Niedersachsen am 1. November 1946 nimmt das Niedersächsische Landesarchiv zum Anlass in vielfältiger Weise auf das Gründungsjahr zurück zu blicken.

Mit einer breiten Auswahl historischer Themen und anhand von Akten, Briefen, Fotos, Plakaten und anderen Originalquellen wirft das Niedersächsische Landesarchiv im Jahr 2026 mit verschiedenen Angeboten Schlaglichter auf die politischen, sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Verhältnisse und Entwicklungen des Jahres 1946. Von Januar bis Dezember 2026 erscheint auf Instagram unter dem Hashtag #vor80jahren wöchentlich ein Post. Die Posts werden zusätzlich unter dem Titel „1946 – Niedersachsen in seinem Gründungsjahr“ als gedruckte Broschüre und auf der Website des Landesarchivs als PDF zum Download veröffentlicht. Zur inhaltlichen Vertiefung gibt es außerdem ab dem 15.10.2026 alle zwei Wochen fünf Interviews mit einschlägigen Expertinnen und Experten in der Podcast-Reihe „Neu und entstaubt“. Die Folgen thematisieren die Lebensverhältnisse der Menschen, den Umgang mit dem Nationalsozialismus, die britische Besatzungspolitik, die Gründung des Landes Niedersachsen und gehen der Frage nach einer niedersächsischen Identität nach:

Niedersachsen 1946 – Die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse (Prof. Dr. Carl-Hans Hauptmeyer)
Niedersachsen 1946 – Die Gründung des Landes (Prof. Dr. Dietmar von Reeken)
Niedersachsen 1946 – Die britische Besatzungspolitik (Prof. Dr. Rainer Schulze)
Niedersachsen 1946 – Der Umgang mit dem Nationalsozialismus (Dr. Elke Gryglewski)
Niedersachsen 1946 – Das Narrativ von der niedersächsischen Identität (Prof. Dr. Thomas Vogtherr)

Der Podcast kann auf allen gängigen Plattformen und auf der Website des Niedersächsischen Landesarchivs gehört werden (www.nla.niedersachsen.de/podcast).

Gemeinsam mit diesem Expertenkreis lädt das Niedersächsiche Landesarchiv alle Interessierten ein, Fragen rund um das Gründungsjahr in einer Diskussionsveranstaltung zu erörtern: 4. November 2026, 17:30 Uhr, Niedersächsisches Landesarchiv (Konferenzraum), Am Archiv 1, 30169 Hannover. Anmeldungen bitte unter tagung@nla.niedersachsen.de.

Dr. Sabine Graf (Präsidentin des Niedersächsischen Landesarchivs)
Isabell Schönecker (Niedersächsisches Landesarchiv, Abteilung Zentrale Dienste)

Die Kolumne „Hannover historisch“ wird betreut von Prof. Dr. Carl-Hans Hauptmeyer