Ein unscheinbarer, grüner Hügel in der Leineaue, unweit der Marienburg, verbirgt und bewahrt die Reste des Schlosses und der Feste Calenberg – Namensgeber des früheren Fürstentums zwischen Leine und Deister.


Abb. 2: Feste Calenberg. Topographia Germaniae (Ausschnitt). 1654 (Colorierung: Rotary Club Pattensen-Calenberg)
Merian zeigt eine eindrucksvolle, solide Schloss- und Festungsanlage, der er folgende Beschreibung hinzufügte: „Dieses ist ein uhraltes Fürstlich Braunschweig-Lüneburgisch herrliches, und unter allen deß Fürstenthumbs Calenberg das vornehmste Amptshauß.“ Dazu passt der gute bauliche Zustand der gesamten Anlage. Doch schaut man in das überlieferte zeitgenössische Schriftgut, entsteht ein anderes Bild:
Wenige Monate, nachdem der Kupferstecher Conrad Buno die Skizzen für Merian angefertigt hatte, heißt es in einem Bericht über den Zustand der Gebäude des Calenbergs: Das Hauptgebäude (mit den herzoglichen Gemächern) und das Nebengebäude sind „gantz ohne Tach undt Sparren, die Balcken darinnen merhentheils faul und unwied[erbringlich] brüchlich“.
Dieser ruinös anmutende Zustand des Schlosses war nicht neu. Auch früher wurden ähnlich alarmierende Berichte über den baulichen Zustand der Gebäude verfasst. So 1608: „… was gestalt die gebewde an der Vestung alhir“ betrifft, sind sie „gantz bawfellig, sonderlich aber [das] dachwerck in der Burck ober der Küchen und Windelstein“ [Wendeltreppe] ist „derogestalt ruinoß, das sich kein Steindecker oder Zimmerman mehr daßelbe zubesteigen oder zubefosten“ traut. „… und seindt nicht allein die gemecher so darunter an balcken und andern durch das einregnen von Jahren zu Jahren derart verfaulet“, dass befürchtet werden muss, eines Tages werden „Schornstein und balkken, auch die gewelbte newe keller einschießen“. Oder 1592: Die Etagen „under und uber U.g.F. und Herrn gemach sind ganz bauwfellig; darunder ist vor funff Jahren der Keller eingefallen und ein gewolbter Keller wieder erbauwett“ worden. „Uber unsers gnedigen Hern gemach seint die Balcken des Hanebende [oberster Längsbalken] und Spare abgestecket [abgestützt] und das Tachwergk versuncken“.
Nach diesen Berichten drängt sich die Frage auf: Wie konnte es zu diesem krassen Widerspruch zwischen den zeitgenössischen Berichten und der gedruckten bildlichen Darstellung vom Schloss Calenberg kommen? – Einen Anhaltspunkt liefert der Herstellungsablauf der Vorlagen für die Topographia:
Conrad Buno schickte alle Zeichnungen, die er von den Objekten im Fürstentum Calenberg anfertigte, an die herzogliche Kanzlei nach Hannover. Hier wurden sie geprüft und diejenigen, gegen die nichts einzuwenden war, Buno wieder zugestellt. Diese sandte er nun zur Merianschen Werkstatt nach Frankfurt/Main, wo sie für den Druck bearbeitet wurden.
Die Widersprüche betreffen nicht nur die Schlossgebäude. Es sind auch weitere gravierende Veränderungen feststellbar:
Hinter dem Festungstor lässt Merian einen Turm (mit hoch aufragendem, spitzem Dach) wiedererstehen, den es Mitte des 17. Jhs. nicht mehr gab. In den ausführlichen Inventarverzeichnissen von 1639 und 1665, in denen auch die Gebäude der Festung beschrieben werden, wird dieser Turm mit keinem Wort erwähnt. Jedoch ist er für das 16. Jh. (1584/85) belegt und hat nachweislich an der Stelle gestanden, wo Merian ihn wiedererstehen ließ.
Dagegen hat die dem Tor vorgelagerte Bastion weder im 16. noch im 17. Jh. existiert. Die Inventarverzeichnisse des 17. Jhs. geben die Verhältnisse vor dem Tor genau wieder. Eine starke Bastion wird nicht erwähnt. Auch nicht in der Beschreibung der Befestigungsanlagen von 1584. Merian berücksichtigte mit dieser Zugabe offenbar einen Modernisierungsplan, wie eine überlieferte Ideenskizze aus dem 17. Jh. belegt, der aber nie verwirklicht wurde.
Schließlich: Im umliegenden Gelände gibt es keinen Punkt, von dem Conrad Buno die Feste und darin die Schlossgebäude so hätte sehen können, wie Merian die Anlage darstellte. Merian hat die Gebäude angehoben und gleichzeitig den umgebenden Wall, der 1584 immerhin 14 bis über 15 m hoch war, abgesenkt.
Zusammenfassend kann festgestellt werden: Von wem auch immer veranlasst, Merian hat mit seinem Stich nicht nur ein beschönigendes Bild vom Calenberg Mitte des 17. Jhs. wiedergegeben. Er komplettierte es mit Beschreibungen oder uns unbekannten Skizzen des 16. Jhs. und arbeitete außerdem einen vagen Modernisierungsplan mit ein. Alles, um ein gefälliges und für lange Zeit gültiges Werk vom Schloss und der Feste Calenberg zu erschaffen.
Verwendete Quellen: Topographia Germaniae, Bs-Lü, Nachwort; NLA HA, Cal Br 2 Nr. 335, Cal Br 21 Nr. 2869, Hann 74 Cal Nr. 1302, Kartensamml. Nr. 12h Calenberg 2pm; GSTA PK, XX, HA STA Königsberg, HBA A2 (K 92).
Eckard Steigerwald
Eckard Steigerwald war in den Kommunen Pattensen und Barsinghausen als Historiker bzw. Archivar tätig und verfasste für den Rotary Club Calenberg Pattensen eine Broschüre zur „Feste Calenberg“. Diese ist beim Autor erhältlich (eckard.steigerwald@t-online.de).
Die Kolumne „Hannover historisch“ wird betreut von Prof. Dr. Carl-Hans Hauptmeyer.