Von der Kaliabraumhalde zum Waldberg


Der Waldberg in Empelde, gegenüber dem Benther Berg, war bis 1975 eine Kalirückstandshalde. Heute ist er ein Kulturort und Naherholungsgebiet. Seit 1989 wächst hier – dank geeigneter Ummantelung – ein Wald mit heimischen Bäumen. Der engagierte Bauunternehmer Herbert Nickel legte mit viel Herzblut den Grundstein für die Renaturierung des „Kalibergs“. Heute sorgen aktive Mitglieder des Vereins Waldberg-Empelde e.V. für den Fortgang und das abwechslungsreiche Veranstaltungsprogramm.

Feuervogel. Bildrechte bei Waldberg Empelde e.V.

Die Geschichte des Salzabbaus in Empelde

Die Geschichte beginnt 1896 mit der Gewerkschaft Hansa-Silberberg. Doch schon zuvor gab es bahnbrechende Erkenntnisse:

Der Hofbotaniker Jakob Friedrich Ehrhart (1742–1795) entdeckte salzanzeigende Pflanzen im Raum Badenstedt und Empelde. Justus von Liebig (1803–1873) folgte mit der Erkenntnis, dass Pflanzen anorganische Nährstoffe wie Kalium aufnehmen und so Erträge sichern. Nach der Geburtsstunde der Agrochemie um 1840 gelang es schließlich, durch chemische Aufbereitung Kaliumchlorid zu isolieren. Unternehmer investierten in Kaliwerke. Das Königreich Hannover bot mit seinem Eigentumsrecht ideale Bedingungen für die Erschließung der zahlreichen tiefen, doch teils zu „Salzdomen“ angehobenen, Ablagerungen aus der geologischen Formation Zechstein.

Altansicht Halden und Gelände. Bildrechte bei Niedersächsischen Museum für Kali-und Salzbergbau

Die Gründerfirma Hansa-Silberberg

1894 begannen in Empelde erste Bohrungen. Das Salzvorkommen erstreckte sich von Davenstedt bis Weetzen, mit einer Breite von 1,5 bis 3,5 km. Durch die hier gegebene geologische Aufwölbungen war es ab etwa 150 m Tiefe zugänglich.

Der Schacht Hansa 1 erreichte erst nach vier fehlgeschlagenen Versuchen mit unterschiedlichen Firmen und Bohrverfahren Ende 1907 die gewünschte abbaufähige Tiefe von 614 m. 155 Mitarbeiter begannen mit dem Abbau untertage (bei ca. 28 °C) und der Aufbereitung übertage. Eine Kaliumfabrik und eine Rohsalzmühle bereiteten das Salz für den Verkauf auf. Gleichzeitig baute die Firma Werkswohnungen, da viele Mitarbeiter von weit her kamen. Das 1919 gegründete Kalisyndikat regelte Preise und Absatzmöglichkeiten. Die anfängliche Schätzung, dass die Salzlager mindestens 20 Jahre Ertrag bringen dürften, wurde bei Weitem übertroffen. Allerdings begleiteten immer wieder Wassereinbrüchen die Schachtbohrungen.

Lediglich 17 % des geförderten Salzes waren zur Gewinnung von Kaliumchlorid nutzbar. Doch nur etwa ein Viertel der nicht verwertbaren Salzförderung konnte im Bergwerk wieder verfüllt werden. So wurde bereits 1909 die erste Abraumhalde angelegt.

Gipfelfoto. Bildrechte bei Waldberg-Empelde e.V.

Blütezeit und Niedergang

Hansa-Silberberg florierte: 1930 waren 601 Mitarbeiter beschäftigt. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Werk als kriegswichtig eingestuft, und Zwangsarbeiter mussten hier arbeiten. Für die Empelder Bevölkerung baute die Firma in die Halde einen behelfsmäßigen Stollen als Luftschutzbunker. Das Unternehmen bot Ausbildungsstellen und Vorkurse für Handwerks- und Bergmannsberufe an.

1943 und 1944 zerstörten Bombenangriffe Teile der Anlage. 1945 erfolgte rasch der Wiederaufbau. Eine neue erfolgreiche Phase begann, die in den 1960er-Jahren ihren Höhepunkt erreichte: Zwischen 1962 und 1967 stieg die Förderung auf über eine Million Tonnen Rohsalz pro Jahr. Hansa-Silberberg setzte Großmaschinen ein und war Vorreiter bei technischen Neuerungen – etwa bei Schacht 3 in der Tiefe von 1000 m.

Die hohen Erträge reichten allerdings nicht, die steigenden Kosten auszugleichen. Die Produktion musste gedrosselt werden, Mitarbeiter wurden entlassen oder in den vorzeitigen Ruhestand geschickt. 1971 arbeiteten nur noch 69 Bergleute, die in diesem Jahr 476.000 Tonnen förderten. Am 6. Juni 1973 wurde die Förderung eingestellt, das Bergwerk blieb jedoch als Reserve erhalten. Doch ein Bergwerksunglück im benachbarten Ronnenberg im Sommer 1975 machte Flutungen zur Stabilisierung notwendig – das endgültige Aus für Empelde. Der Eigentümer K+S übernahm brauchbare Maschinen für andere Werke. Die Bergmannsschänke behielt ihren Namen und feierte 2019 ihr 90-jähriges Jubiläum. Der traditionelle Knappenverein bestand 100 Jahre. Er löste sich am 31.12.2010 auf.

Riesige Kaliabraumberge erhalten neues Leben

Die größte Fläche der Halde kaufte Herbert Nickel 1974 für 150.000 DM. Der Bauunternehmer vereinte Geschäftssinn, soziale Verantwortung und Naturliebe. Seine Renaturierungsideen setzte er mit dem Göttinger Forstwissenschaftler Prof. Rolf Zundel um: Eine mindestens 12 m dicke Schicht aus Bauschutt und Mutterboden wurde auf den Kaliabraum aufgebracht. Frank Nickel führte das Werk des Vaters fort, arbeitete mit engagierten Vereinsmitgliedern zusammen, und 1989 begannen die Baumpflanzungen. So entstand in fast 30 Jahren ein Wald, der heute vielen Tieren als Lebensraum dient und biotopgerecht gepflegt wird.

Die Stadt Ronnenberg erwarb das Gebiet um die nebenliegende kleinere Halde und verkaufte die Grundstücke für ein neues Wohngebiet. Sie richtete im alten Verwaltungsgebäude ihr Rathaus sowie das Niedersächsische Museum für Kali- und Salzbergbau ein. Die ehemaligen Werkswohnungen wurden als Eigentumswohnungen verkauft.

Der Waldberg heute

Heute wird das Engagement vollständig von Ehrenamtlichen des Vereins Waldberg-Empelde e.V. getragen. Der Verein verbindet auf dem Areal der ehemaligen Kalihalde Natur-, Umwelt- und Denkmalschutz mit Kultur- und Bildungsangeboten. Es werden Führungen „Vom Kaliberg zum grünen Waldberg“ angeboten und spezielle Rundgänge zu den Kunstwerken entlang der Wege sowie auf dem Gipfel. Interaktive Stationen zur heimischen Flora und Fauna, zu Baumarten und dazu einen Barfußpfad am Gipfelbereich sind zu finden. Jahreszeitlich angepasst gibt es zahlreiche Kunst- und Kulturveranstaltungen, u.a. auf der Freiluftbühne.
Das breite Jahresveranstaltungsprogramm und weitere Informationen finden sich unter: 🔗 www.waldberg-empelde.de

Gesamtansicht von oben 2019. Bildrechte bei Waldberg-Empelde e.V.

Führungen auf den Waldberg sind ab sechs Personen möglich. Anmeldung: Peter.Nelskamp@gmx.de.

Zusätzliche Infos: Niedersächsisches Museum für Kali- und Salzbergbau e.V., An der Halde 10, 30952 Ronnenberg-Empelde

Literatur:
Die alte Saline 1831–1965, Hannover 1991, Hrsg. LH Hannover Kulturamt.
Peter Sandvoss, Empelde und das Salz, Hannover 2009.

Monika Sonneck, Historikerin und „Bergführerin“ in Empelde.

Die Kolumne „Hannover historisch“ wird betreut von Prof. Dr. Carl-Hans Hauptmeyer.