Während des Zweiten Weltkriegs bestand in der Jägerstraße 4 in Hannover ein Zentrum kolonialer Fantasien, das von nationalsozialistischen und kolonialrevisionistischen Kreisen gleichermaßen getragen wurde. Das ehemalige Wohnhaus jüdischer Geschwister wurde 1939 zum „Dr. H. E. Göring-Kolonialhaus“ umgebaut und sollte mit zwei Etagen öffentlicher Ausstellung und Unterrichtsräumen der „kolonialen Schulung“ und der Vorbereitung vermeintlicher Auswanderungen in frühere Kolonialgebiete dienen. Obwohl es nicht zur praktischen Umsetzung dieser nostalgischen Kolonialvorstellungen kam, stieß das Projekt auf breite Zustimmung und finanzielle Unterstützung durch die hannoversche Stadtverwaltung, NSDAP-Funktionäre, den Reichskolonialbund (RKB) sowie hannoversche Industrie und Wirtschaft.

Abb. 1: Die Außenfassade des Göring-Kolonialhauses (NLA HA, V.V.P. 17, Nr. 1739: Erster Jahresbericht der kolonialen Lehrschau und Schulungsstätte Dr. H. E. Göring-Kolonialhaus Hannover 1939/40. Foto: Wilhelm Hauschild)
Es handelte sich also nicht um eine rein private Initiative. Die Entstehung und das Fortbestehen des Kolonialhauses über den gesamten Krieg hinweg sind jedoch maßgeblich auf dessen Leiter Georg Thiemann-Groeg zurückzuführen. 1881 als Georg Thiemann geboren, lebte er viele Jahre in Südafrika und kehrte schließlich als Kolonialschriftsteller nach Deutschland zurück. Er gab sich einen neuen Nachnamen (ein Anagramm seines Vornamens, verbunden mit seinem regulären Nachnamen) und inszenierte sich unter unterschiedlichen Pseudonymen als Experte. 1936 trat er dem RKB bei und entwickelte sich schnell zu einer treibenden Kraft im Gauverband Südhannover–Braunschweig. Als Leiter der Abteilung „Koloniale Schulung und Wissenschaft“ und kolonialpolitischer Referent des NSDAP-Gauschulungsamtes verknüpfte er kolonialrevisionistische Forderungen geschickt mit nationalsozialistischer Ideologie. Durch Vorträge und gezielte Öffentlichkeitsarbeit verschaffte er kolonialen Sehnsüchten eine regionale Basis.

Abb. 2: Eröffnungsfeier mit (v.l.) stellv. NSDAP-Gauleiter Südhannover-Braunschweig Kurt Schmalz, Paula Elisabeth Rosa Hueber, Georg Thiemann-Groeg sowie einer weiteren Angehörigen der Familie Göring (NLA HA, V.V.P. 17, Nr.
1739: Hannoverscher Anzeiger, 30.6.1939. Foto: Wilhelm Hauschild)
Die politische Lage der 1930er Jahre begünstigte sein Vorhaben zusätzlich. Das NS-Regime zentralisierte kolonialrevisionistische Organisationen, intensivierte phasenweise koloniale Propaganda und schuf damit ein Klima, in dem Thiemann-Groegs Pläne eines Schulungsortes u.a. den Zuspruch von NS-Funktionären erhielt. Zugleich bot das hannoversche Stadtbild durch koloniale Ehrungen Anknüpfungspunkte, die er argumentativ strategisch einzusetzen wusste.
Dabei hob er eine angebliche „Kolonialtradition Niedersachsens“ und eine vermeintlich „besonders guten Kolonialeignung“ der Bevölkerung hervor. Damit schürte er patriotischen Druck und inszenierte das Kolonialhaus als Prestigeprojekt für Hannover. Dies verband er stets mit der Behauptung, der nationalsozialistische Staat verfolge dieselben Ziele. So holte er etwa Hermann Görings Zustimmung für die Namenswidmung nach dessen Vater ein und nutzte diese als politisches Druckmittel gegenüber der Stadtverwaltung und anderen Institutionen. Mehrfach drohte er damit, das Vorhaben an einen anderen Standort zu verlegen, falls keine geeigneten Räumlichkeiten bereitgestellt würden.

Abb. 3: Rede von Kurt Schmalz bei der Eröffnung des Göring-Kolonialhauses (NLA HA, V.V.P. 17, Nr. 1739: Erster Jahresbericht der kolonialen Lehrschau und Schulungsstätte Dr. H. E. Göring-Kolonialhaus Hannover 1939/40. Foto: Wilhelm Hauschild)
Trotz schwerer Bombenschäden am Gebäude 1943 und einer allgemein nachlassenden Kolonialeuphorie hielt Thiemann-Groeg unbeirrt und mit großem persönlichem Ehrgeiz an seinem Projekt fest. Bis zuletzt verteidigte er das Kolonialhaus als zukunftsweisend und legte sogar Pläne zum (Neu-)Aufbau als Kolonialschule dem Oberbürgermeister vor. Sein persönlicher Ehrgeiz, seine nostalgische Bindung an die ehemaligen Kolonien und sein opportunistischer Umgang mit politischen Entwicklungen ermöglichten das Fortbestehen des Kolonialhauses bis zum Kriegsende.
Thiemann-Groegs Überzeugung, Afrika nach dem Krieg wirtschaftlich und kulturell erschließen zu wollen, setzte sich auch nach 1945 fort. Im weiterhin kriegszerstörten Gebäude organisierte er mithilfe eines kleinen Kreises deutsch-afrikanischer Industrieller eine Fortführung der Arbeit. Erst ein Schlaganfall im Jahr 1950 beendete seine Aktivitäten. Aus finanziellen Sorgen bot er seine Sammlung dem niedersächsischen Kultusministerium zum Kauf an; nach der Übernahme wurde das Kolonialinstitut 1952 – kurz vor seinem Tod – endgültig aufgelöst.

Abb. 4: Georg Thiemann-Groeg 1942 an seinem Schreibtisch im Göring-Kolonialhaus (Privatarchiv Janet v. Stillfried).
Laura-Elisa Appelhagen
Laura-Elisa Appelhagen studierte an der Leibniz Universität Hannover Geschichte und absolviert aktuell ein wissenschaftliches Volontariat beim ZeitZentrum Zivilcourage Hannover. In ihrer Masterarbeit forschte sie über das Göring-Kolonialhaus. Hierzu wird in den Hannoverschen Geschichtsblättern, Band 79/2025, ein Aufsatz von ihr erscheinen.
Am Donnerstag, 29.01.2026, 18:30 Uhr, wird die Autorin beim Historischen Verein für Niedersachsen einen Vortrag zum Thema „Das Dr. H. E. Göring-Kolonialhaus Hannover (1939-1945): Netzwerke, Propaganda und unerfüllte Nostalgie“ halten.
Die Kolumne „Hannover historisch“ wird betreut von Prof. Dr. Carl-Hans Hauptmeyer.